Kommunikation in der krise – wie wasserwerke transparent über pfas informieren können

Kommunikation in der krise – wie wasserwerke transparent über pfas informieren können

Wenn in einer Region erhöhte PFAS-Werte im Trinkwasser gemessen werden, entsteht sehr schnell eine zweite Krise neben der chemischen: eine Vertrauenskrise. Menschen fragen sich: Kann ich mein Leitungswasser noch trinken? Müssen meine Kinder etwas beachten? Warum habe ich davon erst jetzt erfahren? Wie Wasserwerke in dieser Situation kommunizieren, entscheidet oft darüber, ob aus einer schwierigen Lage eine beherrschbare oder eine eskalierende Krise wird.

In diesem Beitrag geht es darum, wie Wasserwerke transparent, sachlich und verständlich über PFAS informieren können – gerade dann, wenn die Lage angespannt ist. Im Mittelpunkt steht nicht PR, sondern echte Aufklärung: Menschen sollen verstehen, was PFAS sind, welche Risiken realistisch sind und welche Schritte jetzt gesetzt werden.

Was Menschen in einer PFAS-Krise wirklich wissen wollen

Bevor wir über Kommunikationskanäle und Formulierungen sprechen, hilft eine simple Frage: Was würden Sie selbst wissen wollen, wenn in Ihrem Leitungswasser PFAS gefunden werden?

In praktisch allen betroffenen Regionen tauchen immer wieder dieselben Kernfragen auf:

  • Wie hoch sind die gemessenen Werte – und wie sind sie einzuordnen?
  • Ist das Wasser aktuell gesundheitlich unbedenklich, eingeschränkt nutzbar oder sollte es gemieden werden?
  • Wer ist besonders sensibel (z. B. Schwangere, Säuglinge, Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen)?
  • Was wird unternommen, um die PFAS-Belastung zu senken?
  • Wie lange wird das ungefähr dauern?
  • Wer überwacht und kontrolliert die Angaben (Behörden, unabhängige Labore)?
  • Was kann ich als Privatperson konkret tun?

Eine gute Krisenkommunikation beantwortet diese Fragen frühzeitig, klar und ohne Zickzack-Kurs. Alles, was nach Ausweichen, Schönreden oder Informationslücken aussieht, untergräbt das Vertrauen – und ist oft gefährlicher als die Messwerte selbst.

Grundlagen kurz erklärt: PFAS, Grenzwerte, Risiko

Viele Menschen hören in der Krise zum ersten Mal von PFAS. Wer hier mit Fachbegriffen beginnt, verliert sein Publikum. Wer stattdessen die Grundlagen in einfachen, ehrlichen Sätzen erklärt, schafft Orientierung.

Drei Bausteine sind entscheidend:

  • Was sind PFAS? Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen sind eine große Gruppe industriell hergestellter Chemikalien, die z. B. in Imprägnierungen, Feuerlöschschäumen, Beschichtungen und Kunststoffen eingesetzt werden. Sie sind extrem stabil, bauen sich in der Umwelt nur sehr langsam ab und können sich im Körper anreichern.
  • Was bedeuten Grenzwerte? Trinkwasser-Grenzwerte wie der EU-weit eingeführte Summengrenzwert für bestimmte PFAS-Gruppen (z. B. 0,1 µg/l bzw. 0,1 Mikrogramm pro Liter) sind politische Vorsorgewerte. Sie werden so festgelegt, dass auch bei lebenslanger Aufnahme ein ausreichend großes Sicherheits-Polster eingerechnet ist.
  • Wie entsteht gesundheitliches Risiko? Risiko ist nicht nur eine Frage des Messwertes, sondern auch von Dauer, Häufigkeit und individueller Situation. Ein kurzzeitiges Überschreiten des Grenzwertes hat eine andere Bedeutung als jahrzehntelange, deutlich erhöhte Belastung. Besonders sensible Gruppen (Kinder, Schwangere) verdienen eine gesonderte Empfehlung.

Wichtig ist: Diese Erklärungen sollten nicht als Fachanhang versteckt werden, sondern aktiv in die Kommunikation einfließen – auf der Website, im Bürgerbrief, bei Informationsveranstaltungen.

Transparenz als Leitprinzip: Zahlen offenlegen und einordnen

„Die Werte liegen im unkritischen Bereich.“ – Solche Aussagen beruhigen vielleicht für den Moment, werfen aber sofort die nächste Frage auf: Was heißt „unkritisch“ genau?

Verständliche Transparenz bedeutet:

  • Konkrete Zahlen nennen: z. B. „Wir haben in Messstelle X 0,08 µg/l PFAS (Summe der 20 EU-relevanten PFAS) gemessen.“
  • Bezug zu Grenzwerten herstellen: „Der geltende Grenzwert in der EU liegt bei 0,10 µg/l für diese Stoffgruppe.“
  • Den Abstand erklären: „Der gemessene Wert liegt damit um 20 % unter dem Grenzwert.“
  • Unsicherheiten benennen: „Es handelt sich um einen ersten Messwert. Weitere Proben werden derzeit analysiert, um die Entwicklung über die Zeit zu bewerten.“

Hilfreich sind grafische Darstellungen wie Balkendiagramme (z. B. gemessener Wert, Grenzwert, längerfristiger Zielwert). Diese können auch in einfachen Bildern oder PDFs auf der Website bereitgestellt werden. So können Bürgerinnen und Bürger selbst vergleichen, ohne Fachhintergrund haben zu müssen.

Offen über Wissenslücken sprechen

Ein typischer Reflex in Krisen: nur das zu kommunizieren, was sich zu 100 % sicher sagen lässt. Das Problem: Genau in den Graubereichen haben Menschen die meisten Fragen. Wenn diese Leerstellen nicht benannt werden, füllen sie sich mit Gerüchten.

Daher ist es gerade bei PFAS wichtig, klar zu formulieren:

  • Was wissen wir? „Wir wissen, dass seit mindestens Jahr X erhöhte PFAS-Werte in dieser Region gemessen werden. Wir wissen, dass Wasser aus Quelle Y stärker belastet ist als aus Quelle Z.“
  • Was wissen wir noch nicht? „Wir wissen noch nicht, wie sich die Werte in den nächsten Monaten entwickeln. Langzeitdaten für diese spezielle Kombination von PFAS in dieser Region liegen derzeit nicht vor.“
  • Was wird unternommen, um Wissenslücken zu schließen? „Wir haben zusätzliche Messstellen eingerichtet, monatliche Stichproben erhöht und ein unabhängiges Labor beauftragt.“

Ehrliche Unsicherheit ist vertrauenswürdiger als vermeintliche Gewissheit, die nach ein paar Wochen revidiert werden muss.

Empfehlungen klar und praxisnah formulieren

Menschen wollen in der Krise nicht nur Informationen, sondern Handlungsanweisungen. „Es besteht kein akuter Handlungsbedarf“ ist selten eine Antwort, mit der Eltern einer Kleinkind-Familie zufrieden sind.

Hilfreich sind gestufte, konkrete Empfehlungen, z. B.:

  • Für die Allgemeinbevölkerung: „Leitungswasser kann weiterhin zum Kochen und Trinken verwendet werden. Es ist nicht notwendig, auf Flaschenwasser umzusteigen.“
  • Für sensible Gruppen: „Für Schwangere, Stillende und Kinder unter 3 Jahren empfehlen wir vorsorglich, bis auf Weiteres mineralwasserbasierte Säuglingsnahrung zu verwenden. Wir orientieren uns dabei an der Empfehlung von Behörde X / Institut Y.“
  • Für spezielle Anwendungen: „Für die Zubereitung von Babynahrung empfehlen wir derzeit ausschließlich Wasser mit einem PFAS-Gehalt unter Z µg/l. Eine Liste geeigneter Bezugsquellen finden Sie unter …“

Solche differenzierten Empfehlungen setzen natürlich voraus, dass das Wasserwerk eng mit Gesundheitsämtern und ggf. Umweltbehörden zusammenarbeitet. Es sollte klar kommuniziert werden, auf welche offiziellen Stellen sich die Hinweise stützen.

Kanäle kombinieren: Nicht alle Menschen lesen lange PDF-Berichte

In Krisensituationen reicht es nicht, eine Pressemitteilung zu veröffentlichen und zu hoffen, dass die Informationen „schon ihren Weg finden“. Unterschiedliche Zielgruppen nutzen unterschiedliche Kanäle – und haben unterschiedliche Zeitbudgets.

Bewährt hat sich eine Kombination aus:

  • Website-Sonderseite: Eine gut sichtbare Themenseite „PFAS in unserem Trinkwasser“ mit aktuellen Messwerten, FAQ, Ansprechpartnern und weiterführenden Links (Behörden, Gesundheitsinformationen).
  • Bürgerbrief / Beilage zur Wasserrechnung: Kurze, gut strukturierte Zusammenfassung der Lage, inkl. Hinweis auf die Website für Detailinformationen.
  • Infoabende / Bürgersprechstunden: Präsenz und Raum für Fragen sind durch nichts zu ersetzen. Wer es nicht einrichten kann, profitiert von digitalen Alternativen (z. B. Online-Sprechstunde oder Webinar).
  • Social Media / lokale Presse: Kurze Kernbotschaften mit Verweis auf die ausführlichen Informationen des Wasserwerks. So wird verhindert, dass Drittquellen zum einzigen Informationskanal werden.

Entscheidend ist Konsistenz: Auf allen Kanälen sollten dieselben Kernbotschaften erscheinen, in gleicher Zahlenbasis und mit gleicher Einordnung. Widersprüche zwischen Website und Zeitungsvorbericht werden sehr schnell bemerkt.

Sprache: Fachlich korrekt, aber alltagstauglich

PFAS-Kommunikation scheitert oft nicht an fehlenden Daten, sondern an unverständlicher Sprache. Wer Sätze formuliert wie „Die Überschreitung des Leitwerts liegt im Bereich der analytischen Unsicherheit“, darf sich über Rückfragen nicht wundern.

Hilfreiche Grundregeln:

  • Fachbegriffe erklären – z. B.: „Mikrogramm pro Liter (µg/l) bedeutet: ein Millionstel Gramm in einem Liter Wasser.“
  • Lange Schachtelsätze vermeiden – besser mehrere klare kurze Sätze als ein einziges Text-Ungetüm.
  • Vergleiche sparsam einsetzen – wenn, dann mit Vorsicht: „Der Wert entspricht etwa einem Zehntel des geltenden Grenzwertes.“ Vermeiden sollte man verharmlosende Analogien („So wenig wie ein Zuckerkorn in einem Schwimmbad“), die das Thema lächerlich erscheinen lassen.
  • Aktiv statt passiv – „Wir messen alle vier Wochen“ wirkt verantwortlicher als „Es wird alle vier Wochen gemessen“.

Ein einfacher Test: Wenn jemand ohne naturwissenschaftlichen Hintergrund den Text liest, sollte er danach zumindest grob erklären können, was die Lage ist und was empfohlen wird. Wenn nicht, ist der Text zu kompliziert.

Kooperation mit unabhängigen Stellen sichtbar machen

Einer der häufigsten Vorwürfe in Umweltskandalen lautet: „Die Verantwortlichen kontrollieren sich selbst.“ Um diesem Eindruck vorzubeugen, sollten Wasserwerke ihre Zusammenarbeit mit unabhängigen Akteuren aktiv darstellen.

Dazu gehört zum Beispiel:

  • Nennung der beauftragten Labore und ihrer Akkreditierung.
  • Verweis auf Aufsichtsbehörden (z. B. Umweltministerium, Gesundheitsamt) und deren Rolle.
  • Veröffentlichung von behördlichen Einschätzungen und Stellungnahmen – idealerweise im Originalwortlaut.
  • Hinweis auf externe Forschungsprojekte oder Monitoring-Programme, an denen sich das Wasserwerk beteiligt.

Besonders hilfreich kann es sein, wenn bei Informationsveranstaltungen nicht nur Vertreter des Wasserwerks sprechen, sondern auch unabhängige Expertinnen und Experten, etwa aus Umweltmedizin oder Toxikologie. Unterschiedliche Perspektiven erhöhen die Glaubwürdigkeit – vorausgesetzt, sie widersprechen sich nicht fundamental in den Kernaussagen.

Typische Kommunikationsfehler – und wie man sie vermeidet

Viele Probleme wiederholen sich in verschiedenen Regionen. Drei Muster treten immer wieder auf:

  • „Wir wollen erst informieren, wenn wir alles wissen.“
    Das führt dazu, dass Bürgerinnen und Bürger aus den Medien oder über Gerüchte von Messwerten erfahren, während das Wasserwerk offiziell schweigt. Besser: frühzeitig Zwischenstände kommunizieren, als „vorläufige Einschätzung“ klar kennzeichnen und Updates ankündigen.
  • „Das ist alles nicht so schlimm, die Werte sind nur knapp drüber.“
    Verharmlosungen werden fast immer später von der Realität eingeholt. Transparenter ist: „Der Wert liegt derzeit um X % über dem Grenzwert. Kurzfristig bedeutet das kein akutes Gesundheitsrisiko, langfristig wollen wir aber deutlich darunter kommen. Dazu setzen wir folgende Maßnahmen um …“
  • „Wir sind nicht schuld, das Problem liegt beim Industrieeinleiter / in der Vergangenheit.“
    Schuldzuweisungen mögen inhaltlich stimmen, helfen aber im Alltag der Betroffenen wenig. Sinnvoller ist: Verantwortung für die eigene Rolle annehmen („Wir sind dafür verantwortlich, möglichst sauberes Trinkwasser zu liefern“) und zugleich transparent über die Ursachen informieren, ohne sich in Detaildebatten zu verlieren.

PFAS-Krisenkommunikation als langfristige Aufgabe

PFAS sind hartnäckig – in der Umwelt und in der öffentlichen Debatte. Eine einmalige Informationskampagne reicht daher kaum aus. Erfolgreiche Wasserwerke bauen eine Art „PFAS-Kommunikationsroutine“ auf:

  • Regelmäßige Aktualisierung von Messwerten (z. B. monatlich oder quartalsweise).
  • Jährliche Zusammenfassung der Entwicklung in einem leicht verständlichen Bericht.
  • Laufende Information über Fortschritte bei technischen Maßnahmen (z. B. Aktivkohlefilter, Umstellung von Wasserquellen).
  • Kontinuierliche Zusammenarbeit mit lokalen Medien, um sachliche Berichte zu fördern.

Mit der Zeit entsteht so ein Informationsfundus, auf den Bürgerinnen und Bürger jederzeit zugreifen können. Das reduziert die Anfälligkeit für Gerüchte, die vor allem in Informations-Vakuums gedeihen.

Was Wasserwerke aus Sicht der Betroffenen „gut“ macht

Für Menschen, die in einer PFAS-belasteten Region leben, ist ein „gutes“ Wasserwerk nicht das, das verspricht, alles sei sofort wieder perfekt. Es ist das, das:

  • Probleme frühzeitig benennt, statt sie zu beschönigen.
  • Zahlen offenlegt und verständlich erklärt.
  • Empfehlungen gibt, die sich im Alltag umsetzen lassen.
  • Fragen ernst nimmt, auch wenn sie emotional oder wiederholend sind.
  • Schritt für Schritt zeigt, wie die Qualität des Trinkwassers verbessert wird.

Niemand erwartet, dass komplexe PFAS-Probleme über Nacht gelöst werden. Aber viele erwarten zu Recht, dass sie ehrlich, respektvoll und kontinuierlich informiert werden. Wer diese Erwartung erfüllt, reduziert nicht nur die Krisenstimmung, sondern stärkt ganz nebenbei auch das Bewusstsein für Wasserqualität insgesamt – weit über PFAS hinaus.

Und vielleicht ist das der einzige positive Nebeneffekt in einer PFAS-Krise: Wenn Wasserwerke und Bürgerinnen beginnen, offen über Schadstoffe, Grenzwerte und Vorsorge zu sprechen, wächst das gemeinsame Verständnis dafür, wie wertvoll sauberes Trinkwasser ist – und wie viel Arbeit oft dahintersteckt.