Kommunale versorger zwischen versorgungssicherheit und pfas-grenzwerten – dilemma für städte und gemeinden

Kommunale versorger zwischen versorgungssicherheit und pfas-grenzwerten – dilemma für städte und gemeinden

Wenn Städte und Gemeinden derzeit ihre Trinkwasserversorgung planen, sitzen viele Verantwortliche buchstäblich zwischen zwei Stühlen: Auf der einen Seite steht der Auftrag, jederzeit ausreichend sauberes Trinkwasser bereitzustellen. Auf der anderen Seite werden die Grenzwerte für PFAS – also per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen – deutlich verschärft. Nicht wenige kommunale Versorger müssen feststellen: Beides gleichzeitig zu erfüllen, ist mit der bestehenden Infrastruktur kaum möglich.

In diesem Artikel schauen wir uns Schritt für Schritt an, woher dieses Dilemma kommt, welche rechtlichen Vorgaben dahinterstehen, welche technischen Lösungen realistisch sind – und wie Städte, Gemeinden und auch Bürgerinnen und Bürger damit umgehen können.

Was steckt hinter dem Begriff PFAS – und warum sind sie ein Problem für Versorger?

PFAS ist ein Sammelbegriff für mehrere Tausend synthetische Chemikalien, die wegen ihrer wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften in vielen Produkten eingesetzt wurden und werden: Imprägniersprays, Outdoor-Kleidung, Löschschäume, Antihaftbeschichtungen, industrielle Prozesse und vieles mehr.

Für Wasserversorger sind vor allem drei Eigenschaften entscheidend:

  • extrem stabil: PFAS werden in der Umwelt kaum abgebaut, deshalb spricht man von „Ewigkeitschemikalien“.
  • mobil im Wasser: Sie können sich im Grundwasser über große Entfernungen ausbreiten.
  • teilweise toxisch: Bestimmte PFAS stehen im Verdacht, das Immunsystem zu schwächen, den Cholesterinspiegel zu erhöhen, die Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen oder Krebs zu begünstigen.

Viele dieser Effekte wurden in epidemiologischen Studien beobachtet, etwa bei Bevölkerungsgruppen, die über Jahre deutlich höheren PFAS-Konzentrationen ausgesetzt waren als der Durchschnitt. Behörden leiten daraus Vorsorgewerte für die Allgemeinbevölkerung ab – und genau hier wird es für die Versorger kompliziert.

Neue Grenzwerte: Was kommt auf Städte und Gemeinden zu?

In Europa werden die Rahmenbedingungen im Trinkwasserrecht derzeit grundlegend angepasst. Die EU-Trinkwasserrichtlinie sieht zwei relevante Parameter für PFAS vor:

  • einen Grenzwert für „Summe aus 20 ausgewählten PFAS“,
  • und einen noch niedrigeren Grenzwert für die „Gesamtheit der PFAS“ (PFAS total), der optional von den Mitgliedstaaten genutzt werden kann.

Deutschland setzt diese Vorgaben mit der neuen Trinkwasserverordnung um. Parallel dazu hat das Umweltbundesamt (UBA) gesundheitsbezogene Leitwerte veröffentlicht, die bereits jetzt für die Bewertung von Messdaten verwendet werden. Diese Leitwerte sind nicht identisch mit rechtsverbindlichen Grenzwerten, dienen aber als Richtschnur für Behörden und Versorger.

Das Ergebnis: Konzentrationen, die vor wenigen Jahren noch als „unauffällig“ galten, werden heute kritisch hinterfragt. Für einige Regionen bedeutet das, dass ein erheblicher Teil der vorhandenen Brunnen nicht mehr ohne zusätzliche Aufbereitung genutzt werden sollte – oder nur im Rahmen von Übergangsregelungen.

Und hier beginnt das Spannungsfeld zwischen Versorgungssicherheit und Gesundheitsschutz.

Versorgungssicherheit: Was bedeutet das konkret?

Versorgungssicherheit bedeutet, dass ein Wasserversorger seine Kundinnen und Kunden jederzeit mit ausreichenden Mengen Trinkwasser in der gesetzlich geforderten Qualität beliefern kann, und zwar auch:

  • in langen Trockenperioden,
  • bei technischen Störungen,
  • bei Hitzewellen mit Spitzenverbrauch,
  • oder wenn einzelne Brunnen ausfallen.

Viele Versorger arbeiten deshalb mit mehreren Förderbrunnen, verschiedenen Wasserwerken und miteinander verbundenen Netzen. In der Praxis gibt es aber häufig Engstellen:

  • einige Regionen hängen fast vollständig an einem belasteten Grundwasserleiter,
  • Ausweichbrunnen sind vorhanden, haben aber eine geringere Ergiebigkeit,
  • neue Wassergewinnungsgebiete sind geologisch schwierig oder politisch umstritten.

Wenn nun PFAS-Grenzwerte deutlich sinken, kann es passieren, dass ausgerechnet die ergiebigsten Brunnen nicht mehr voll genutzt werden dürfen – während alternative Quellen entweder (noch) nicht ausgebaut oder ebenfalls leicht belastet sind.

Das Dilemma in der Praxis: Schließen oder weiter betreiben?

Viele Stadtwerke stehen vor einer sehr unkomfortablen Wahl. Vereinfacht ausgedrückt:

  • Variante A: Brunnen mit erhöhter PFAS-Belastung sofort stilllegen oder nur noch stark gedrosselt betreiben. Ergebnis: Die Qualität verbessert sich, aber es drohen Versorgungsengpässe, insbesondere im Sommer.
  • Variante B: Brunnen vorerst weiter nutzen und gleichzeitig mittelfristig in aufwendige Aufbereitungstechnik oder neue Wassergewinnungsgebiete investieren. Ergebnis: Die Versorgung bleibt stabil, aber die PFAS-Gehalte liegen möglicherweise vorübergehend im Bereich von Übergangs- oder Leitwerten.

Keine dieser Optionen ist aus Sicht der Verantwortlichen wirklich befriedigend. Hinzu kommen rechtliche und kommunikative Fragen:

  • Darf ich eine Quelle weiter betreiben, wenn ein Leitwert überschritten ist, der Grenzwert aber (noch) nicht?
  • Wie erkläre ich Bürgerinnen und Bürgern, dass das Wasser „formal sicher“ ist, obwohl in Medien vor PFAS gewarnt wird?
  • Wie viel Risiko ist in einer Übergangsphase vertretbar – und wer trägt die Verantwortung?

Genau dieses Spannungsfeld beschreibt der Alltag vieler Versorger derzeit sehr gut.

Typische Ausgangslagen – drei realistische Szenarien

Jede Kommune hat ihre eigene hydrogeologische und infrastrukturelle Geschichte. Trotzdem lassen sich ein paar typische Szenarien skizzieren:

Szenario 1: Kleinstadt mit nur einem Wasserwerk

Eine Stadt mit 15.000 Einwohnern betreibt ein einziges Wasserwerk mit drei Brunnen im selben Grundwasserleiter. PFAS werden erstmals routinemäßig gemessen, zwei Brunnen weisen Werte im Bereich des zukünftigen Summen-Grenzwertes auf. Ein Ausweichen auf andere Quellen ist kurzfristig nicht möglich.

Dilemma: Stilllegung würde die Versorgung gefährden, Weiterbetrieb erfordert intensive Abstimmung mit Gesundheitsamt und Wasserbehörde, dazu eine sehr transparente Kommunikation.

Szenario 2: Mittelstadt mit Mischwasserversorgung

Eine Kommune mit 70.000 Einwohnern bezieht Wasser aus eigenen Brunnen und beigemischtem Fernwasser eines Zweckverbandes. Die eigenen Brunnen sind teilweise erhöht mit PFAS belastet, das Fernwasser ist weitgehend frei von PFAS, aber teurer und in der Menge begrenzt.

Dilemma: Die Mischung kann genutzt werden, um die PFAS-Konzentration zu senken. Gleichzeitig steigt der Zukauf von Fernwasser und damit der Preis. Politisch ist das heikel, technisch aber oft die schnellste Übergangslösung.

Szenario 3: Ländlicher Raum mit Einzelversorgern

Mehrere kleine Gemeinden betreiben jeweils eigene Brunnen und Wasserwerke. PFAS-Belastungen tauchen in einzelnen Ortsteilen auf, andere bleiben unauffällig. Ein Zusammenschluss der Versorger könnte helfen, ist aber organisatorisch und finanziell anspruchsvoll.

Dilemma: Entweder investieren mehrere kleine Versorger getrennt in teure Technik, oder man bündelt Ressourcen – was Zeit, Abstimmung und politische Kompromisse erfordert.

Welche technischen Optionen haben kommunale Versorger?

PFAS lassen sich nicht einfach „wegkochen“ oder durch herkömmliche Sandfiltration entfernen. Für die Trinkwasseraufbereitung kommen derzeit vor allem drei Verfahren infrage:

  • Aktivkohlefiltration: Granulierte oder pulverförmige Aktivkohle bindet vor allem langkettige PFAS. Vorteil: bekannte, etablierte Technik. Nachteil: kürzere Standzeiten bei hohen PFAS-Belastungen, regelmäßiger Austausch nötig, Entsorgung der belasteten Aktivkohle ist anspruchsvoll.
  • Ionenaustauscher: Spezielle Harze können bestimmte PFAS aus dem Wasser entfernen. Vorteil: hohe Abscheideleistung auch bei niedrigen Konzentrationen. Nachteil: Regeneration und Entsorgung der Konzentrate, Investitions- und Betriebskosten.
  • Membranverfahren (z. B. Umkehrosmose): Sehr effektive Abtrennung vieler gelöster Stoffe inklusive PFAS. Vorteil: hohe Rückhalteraten. Nachteil: hoher Energiebedarf, Konzentratentsorgung und oft aufwendige Integration in bestehende Anlagen.

Für eine Kommune bedeutet das in der Regel:

  • Investitionen im sechs- bis siebenstelligen Bereich,
  • komplizierte Genehmigungsverfahren,
  • mehr Betriebspersonal und Monitoring,
  • und die Frage: Wer bezahlt das am Ende – und wie stark steigen die Wasserpreise?

Manche Versorger wählen deshalb einen gestuften Ansatz: Zuerst Optimierung der bestehenden Ressourcen (z. B. Mischung unterschiedlicher Rohwässer), parallel Planung einer PFAS-Filterstufe, die nach und nach in Betrieb geht.

Rechtliche und politische Rahmenbedingungen: Wo hakt es?

Ein Teil des Dilemmas entsteht auch dadurch, dass Rechtsetzung, technische Umsetzung und öffentliche Wahrnehmung in unterschiedlichem Tempo laufen.

  • Rechtliche Vorgaben: Grenzwerte werden auf Basis neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse angepasst. Das ist aus Gesundheits- und Vorsorgeperspektive sinnvoll, erfordert aber Planungsvorlauf und Investitionssicherheit für Versorger.
  • Förderprogramme: In einigen Bundesländern gibt es finanzielle Unterstützung für PFAS-Sanierungen, aber oft zeitlich befristet, mit komplexen Antragsverfahren und nicht immer passend zur realen Bedarfssituation der Kommunen.
  • Haftungsfragen: Häufig stammen PFAS-Einträge aus historischen Industrie- oder Militärnutzungen. Die Verursacher lassen sich teilweise nicht mehr ermitteln oder sind nicht mehr existent. Die Kommunen bleiben dann auf einem großen Teil der Kosten sitzen.

Politisch stellt sich zudem die Frage: Wie streng setzt man Grenzwerte durch, wenn klar ist, dass die technische Umsetzung in manchen Regionen Jahre dauern wird? Übergangsfristen, abgestufte Maßnahmen und regionale Lösungen sind hier derzeit eher die Regel als die Ausnahme.

Kommunikation mit der Öffentlichkeit: Transparenz statt Schönreden

Vielleicht der sensibelste Punkt im ganzen Prozess: Wie informiert man eine Bevölkerung, die in Medienberichten immer wieder von „giftigen Ewigkeitschemikalien“ hört, ohne unnötig Angst zu schüren – aber auch ohne Probleme zu verschweigen?

Bewährt haben sich einige Grundprinzipien:

  • Frühzeitig informieren: Nicht erst reagieren, wenn ein überregionaler Zeitungsartikel erscheint, sondern aktiv über Messprogramme, Ergebnisse und geplante Maßnahmen berichten.
  • Zahlen einordnen: PFAS-Konzentrationen verständlich machen, z. B. durch Vergleich mit Leitwerten, Trinkwasserempfehlungen oder früheren Messungen. Auch der Hinweis, dass das Risiko vor allem in der Lebenszeit-Exposition liegt, hilft zur Einordnung.
  • Alternativen benennen: Wenn bestimmte Gruppen (z. B. Schwangere, Säuglinge) besonders vorsichtig sein möchten, kann man pragmatische Hinweise geben, etwa zur Nutzung von Flaschenwasser oder geprüften Haushaltsfiltern – ohne Panik zu verbreiten.
  • Langfristplan zeigen: Wichtig ist, zu zeigen, dass die Situation nicht „ausgesessen“, sondern aktiv bearbeitet wird: Zeitpläne, technische Optionen, Finanzierungsschritte.

Kommunale Versorger, die offen mit ihren Daten umgehen und auch Unsicherheiten benennen, bauen häufig mehr Vertrauen auf als jene, die Messwerte nur auf Nachfrage herausgeben.

Wie können Städte und Gemeinden das Dilemma entschärfen?

Auch wenn die Ausgangslagen unterschiedlich sind, zeichnen sich einige strategische Handlungsfelder ab, mit denen Kommunen den Spagat zwischen Versorgungssicherheit und PFAS-Grenzwerten besser meistern können:

  • Regionale Kooperation: Zusammenschlüsse von Zweckverbänden, gemeinsame Wassergewinnungsgebiete und der Ausbau von Verbundleitungen schaffen Flexibilität, um belastete Quellen zu entlasten.
  • Priorisierung sensibler Gruppen: Bei der Bewertung und Kommunikation klar benennen, wie die Situation beispielsweise für Säuglinge, Kinder oder Menschen mit Vorerkrankungen zu beurteilen ist – und welche Schutzmaßnahmen zuerst umgesetzt werden.
  • Schrittweiser Ausbau von Aufbereitungstechnik: Pilotanlagen, stufenweiser Ausbau und intensive Überwachung helfen, Erfahrungen mit PFAS-Filtertechnik zu sammeln, ohne sofort das gesamte System umstellen zu müssen.
  • Schutz der Einzugsgebiete: Parallel zur technischen Lösung ist es entscheidend, weitere PFAS-Einträge zu verhindern, etwa durch strenge Auflagen in Wasserschutzgebieten, Kontrollen bei Industrie- und Gewerbebetrieben oder den schrittweisen Verzicht auf PFAS-haltige Produkte, wo immer möglich.
  • Finanzielle Vorsorge: Frühzeitige Einplanung von Investitionen in mittelfristige Finanz- und Gebührenkalkulationen, um abrupte Sprünge bei den Wasserpreisen zu vermeiden.

Was können Bürgerinnen und Bürger tun?

Auch wenn die großen Weichen bei Versorgern und Politik liegen, sind Verbraucherinnen und Verbraucher nicht machtlos. Ein paar Ansatzpunkte:

  • Information einfordern: Viele Versorger veröffentlichen PFAS-Daten inzwischen freiwillig. Wenn nicht: nachfragen, bei Informationsveranstaltungen teilnehmen, sich erklären lassen, wie die lokale Situation aussieht.
  • Eigenen Konsum hinterfragen: Weniger PFAS-haltige Produkte nachfragen (z. B. bei Outdoor-Bekleidung, Kochgeschirr, Imprägniermitteln), Hersteller mit kritischen Fragen konfrontieren und Alternativen nutzen. Jeder vermiedene PFAS-Eintrag heute reduziert den Sanierungsaufwand von morgen.
  • Bewusster Umgang mit Wasser: Ein effizienter Wasserverbrauch entlastet das System grundsätzlich – und verschafft Versorgern mehr Spielraum, wenn belastete Quellen reduziert werden müssen.
  • Gezielte Schutzmaßnahmen zuhause: Wer persönlich besonders vorsichtig sein möchte, kann geprüfte Aktivkohle- oder Umkehrosmosefilter für den Haushalt in Betracht ziehen. Wichtig ist hier, auf zertifizierte Produkte zu achten und die Wartung ernst zu nehmen.

Am Ende sind PFAS im Trinkwasser keine rein technische Frage, sondern eine gesellschaftliche: Wie viel Vorsorge sind wir bereit zu betreiben, wie schnell setzen wir neue Grenzwerte um – und wer trägt welche Kosten?

Für kommunale Versorger bleibt die Aufgabe anspruchsvoll: Sie müssen unter unsicheren Rahmenbedingungen planen, in teure Infrastruktur investieren und gleichzeitig das Vertrauen der Bevölkerung erhalten. Je klarer die rechtlichen Vorgaben, je besser die finanzielle Unterstützung und je transparenter die Kommunikation, desto leichter lässt sich das Spannungsfeld zwischen Versorgungssicherheit und strengeren PFAS-Grenzwerten navigieren.